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Montag, 26. Februar 2018

Interview mit Schoonewille: „Das Training muss Freude bereiten“

Der Techniktrainer der TuS Koblenz im Gespräch

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Früher hat er an der Seite des legendären Johan Cruyff gespielt, heute trainiert Gerrie Schoonewille als Techniktrainer Nachwuchstalente bei der TuS Koblenz. Auch mit 71 Jahren ist der Fußball noch immer seine große Leidenschaft. „Es gibt doch nichts Schöneres im Leben“, sagt der Niederländer im Gespräch mit unserer Homepage.

Wie darf man sich ein Techniktraining unter deiner Leitung vorstellen?

Gerrie Schoonewille: Technik ist im Fußball die Basis von allem. Wenn ich die Fähigkeit besitze, einen Ball zu kontrollieren, dann ist das schon die halbe Miete. Der Ball darf mit mir nicht machen, was er will. Ich muss Herrscher über den Ball sein. Dann kann ich meinen Gegenspieler auch ausspielen. Wenn ich technisch stark bin, strahle ich Dominanz aus.

Dein Training hat also weniger mit Ball hochhalten und Übersteigern zu tun…

Schoonewille: Das ist richtig. Technik bedeutet für mich nicht, dass ich den Ball hundertmal hochhalten kann. Im Spiel bringt mich das ohnehin nicht weiter.

Gibt es Unterschiede beim Techniktraining? Wird bei den Kleineren anders trainiert als bei den Größeren?

Schoonewille: Prinzipiell nicht. Gestern habe ich beispielsweise mit der U23 trainiert. Das gleiche Programm werde ich heute Abend auch mit der U10 durchziehen. Natürlich werden die Übungen dem Alter entsprechend angepasst. Räume werden vergrößert, die Spieler bekommen mehr Zeit bei der Ballannahme. Aber vom Ablauf her sind die Übungen identisch.

Worauf legst du im Training besonderen Wert?

Schoonewille: Mir ist wichtig, dass die Jungs Spaß am Fußball bekommen. Die Kinder sind unsere Zukunft. Man erreicht sie nicht, indem man Wasserwerksrunden läuft oder Treppen steigt. Das Training muss ihnen Freude bereiten. Man muss auch viel mit ihnen reden. Die Jungs müssen spüren, dass sie ernst genommen werden und jeder Einzelne für die Gruppe wichtig ist. Es muss einfach ein Klima geschaffen werden, in dem sich die Kids geborgen fühlen.

Wie kommt dein Training bei den Kindern und Jugendlichen an?

Schoonewille: Ich stelle immer wieder fest, dass die Jungs begeistert sind. Warum ist das so? Ganz einfach. Jeder liebt doch Christiano Ronaldo oder Lionel Messi. Und was machen beide? Sie spielen Doppelpässe, gehen ins Dribbling, lassen ihre Gegenspieler aussteigen. Genau das wollen die Kids auch erlernen und beherrschen.

Wie wichtig ist dir der Kontakt mit den Trainern der jeweiligen U-Mannschaften?

Schoonewille: Sehr wichtig. Ein regelmäßiger Austausch gehört einfach dazu. Man lernt nie aus. Auch wir im Trainerteam müssen immer versuchen, besser zu werden. Es gibt viel zu besprechen. Ich könnte Tag und Nacht über Fußball reden. Es gibt doch nichts Schöneres.

Inwiefern hat sich der Fußball deiner Meinung nach über die Jahre verändert?

Schoonewille: Alles ist viel schneller geworden. Früher hatte man Zeit, konnte schauen, wo der Gegner steht, und dann in aller Ruhe den Pass spielen. Heute ist es meist so: Noch bevor der Ball zu mir kommt, muss ich wissen, ob ich einen Kurzpass, hohen oder langen Ball spiele. Ich muss agil sein und die Situation im Voraus erkennen. Auch die Räume sind enger geworden, man hat auf dem Feld nicht mehr so viel Platz.

Ist der klassische Straßenfußballer ausgestorben?

Schoonewille: Die Zeiten haben sich natürlich geändert. Heute sitzen viele Kinder nur noch vor ihrem Handy oder PC. Früher war das anders. Da ist man von der Schule nach Hause gekommen, hat sich den Ball geschnappt und im Hof gekickt. Ich habe das jeden Tag so gemacht, Technik war für mich einfach alles. Wie oft haben sich früher die Nachbarn bei uns beschwert, weil ich stundenlang den Ball gegen die Wand gebolzt habe. Annahme, Schuss. Annahme, Schuss. So ging das pausenlos.

Du sprichst es an: Talent allein reicht im Fußball nicht aus, es gehört auch eine Menge Fleiß dazu.

Schoonewille: Auf jeden Fall. Man muss ständig hart an sich arbeiten. Nur dann wird man immer besser und besser. Auch ein Lionel Messi ist nicht auf die Welt gekommen und konnte auf Anhieb perfekt Fußball spielen. Aber er hat trainiert, trainiert, trainiert. So ist er zu dem geworden, was er heute ist.

Ist Messi für dich der kompletteste Fußballer?

Schoonewille: Das kann man so sagen. Er ist nicht auszuschalten, flexibel in seinen Bewegungen und sehr stark im Eins-gegen-Eins. Wenn Messi in Ballbesitz kommt, nimmt er sofort Geschwindigkeit auf und lässt seinen Gegenspieler mit einer Körpertäuschung ins Leere laufen.

Du hast früher unter anderem beim niederländischen Rekordmeister Ajax Amsterdam gespielt. Wie sehr hat dich diese Zeit geprägt?

Schoonewille: Bei Ajax haben sie immer gesagt: ‚Du musst dominant sein, aber du darfst nicht arrogant werden.‘ Die Zeit in Amsterdam war wirklich sehr lehrreich. Besonders die Begegnung mit Johan Cruyff hat mich geprägt. Weißt du, was er zu mir beim ersten Training gesagt hat?

Verrate es uns.

Schoonewille: Er kam zu mir und meinte: ‚Was machst du eigentlich hier? Du kannst doch nichts.‘ Johan war schon damals frech. (lacht) Aber er war ein herzensguter Mensch. Für mich ist er eine Legende. Ich habe viele Spieler live gesehen: Puskás, Eusébio, Bobby Charlton, George Best, Franz Beckenbauer – aber Cruyff war der Beste von allen. Er war schnell, hatte eine unglaubliche Technik, war beidfüßig und kopfballstark. Einfach ein Phänomen, ich habe ihn immer bewundert.

Du bist ein fußballverrückter Mensch. Wie verbringst du eigentlich diesen Sommer?

Schoonewille: Du willst auf die verpasste WM-Qualifikation der Niederlande hinaus, oder?

Richtig.

Schoonewille: Ich muss sagen, dass ich mich noch nicht einmal darüber geärgert habe. Wir haben momentan einfach keine herausragenden Spieler. Früher hatten wir einen Clarence Seedorf, Dennis Bergkamp, Marco van Basten. Und heute? Außerdem fehlt uns der unbedingte Siegeswille. Wir Niederländer wollen nur schön spielen. Wenn ein Niederländer nach Hause kommt, sagt er: ‚Wir haben mit 0:3 verloren, aber wir haben heute lecker gespielt‘. Das würde in Deutschland nie vorkommen. Schön gespielt, aber 0:3 verloren – dafür würdest du vom Opa doch eine Ohrfeige bekommen. (lacht)

Das Gespräch führte Dennis Smandzich.

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